Was kann Too Good To Go?

Natalie Oberhollenzer | 02.03.2021

Meine Nachbarin schwört schon seit Monaten drauf. Mehrmals pro Woche holt sich die Studentin Anna ihr Essen über Too Good to Go. Das Prinzip der App: Restaurants und Lebensmittelgeschäfte bieten ihre übrig gebliebenen Speisen zu einem günstigeren Preis an, anstatt sie im Müll zu entsorgen. Das sorgt für nachhaltigeres Wirtschaften bei den AnbieterInnen und für günstigere Mahlzeiten bei den Kundinnen und Kunden. Diesen wird in der Plattform übersichtlich dargestellt, wo welche AnbieterInnen ihr Essen zu welchem Zeitfenster feilbieten und welchen Preis sie dafür verlangen.

Anna erklärt, dass sie eine Weile gebraucht habe um die passenden Angebote zu finden. Ihr aktueller Liebling ist ein Fresh Pot-Lokal in der Nähe, bei dem sie sich häufig ihr Mittagessen holt. „Um drei Euro bekomme ich dort eine Portion, von der ich mich zweimal satt essen kann. Die Speisen sind meiner Meinung nach ebenso frisch wie sie andernfalls wären; wenn ich sie sie mir von einem Take Away-Lokal mitnähme, wo sie vor einigen Stunden frisch gekocht worden sind – einwandfrei also.

So hat die vorletzte Ausbeute ausgesehen:

C: Anna K.

Bei der letzten wurden ihr sogar noch gerade ablaufene Säfte dazugegeben:

Betitelt werden diese als Überraschungssackerl (wobei das Sackerl aus Umweltschutzgründen selbst mitzunehmen ist). Denn was genau man bekommt erfährt man erst wenn erst bei der Abholung vor Ort. Das kann gut sein, denn es sorgt für Abwechslung in der Blase der eigenen Essensgewohnheiten. Weniger gut ist es dann, wenn man auf Tierisches oder etwa aufgrund von Allergien auf bestimmte Inhaltsstoffe verzichten will.

Pech mit dem Inder…

Jedenfalls machen eine Menge Bäckereien mit, AnbieterInnen von Frühstücks-Potourris, Restaurants, Imbissbuden, Saftläden, Feinkostläden und Obst- und GemüsehändlerInnen. Von letzteren hat mir Anna abgeraten, da sei ihr öfters schimmelige Ware mitgegeben worden. Anders die Feinkostgeschäfte. Eines davon stelle zwar nur selten Angebote auf die Plattform, die seien dann aber 1a-Köstlichkeiten, bei denen es zum Mindesthaltbarkeitsdatum nicht mehr lange hin ist.

Ich will es genauer wissen und starte einen Selbsttest. Bei einem Curry-Lokal, das in meiner Liste an Vorschlägen ganz weit oben rangiert, bestelle ich Abendessen. Mein Freund soll es auf seinem Nachhauseweg mitnehmen. Er kommt bei der Türe rein und augenblicklich sehe ich an seinem Gesichtsausdruck, dass er mit dem Ertrag nicht zufrieden ist. Es riecht nicht gut, bekrittelt er, außerdem habe er eine ganze Weile warten müssen. Es sieht aus wie ein Take Away vom Inder immer aussieht:

Ein Festschmaus ist es allerdings nicht. Die Große probiert und sagt „Bätsch“. Die Kleine macht ihr wie immer alles nach, nur ohne zu probieren. Und der Bringer der Speisen kostet widerwillig, zieht dann eine Schnute und sagt er macht sich lieber einen Toast. Am Ende esse ich das meiste, weil ich nicht will, dass es im Müll landet. Wegen des komischen Geschmacks, den es im Mund hinterlässt, kippe ich sicherheitshalber einen Schnaps hinterher.

… Glück mit der Bäckerei

Nachdem Anna das mit den Fehlgriffen vorhergesagt hat und wir uns nicht so schnell beirren lassen, probieren wir weiter. Dieses Mal reservieren wir ein Sackerl bei einer Bäckerei in der Nähe, die wir kennen und mögen. Das sogenannte Mittagssackerl um drei Euro beinhaltet ein Dutzend Gebäckstücke, mit Sesam, mit Käse überbacken, sogar ein Plunder und eine Zimtschnecke sind dabei. An der Frische ist ebensowenig etwas auszusetzen – zumal Brot ohnehin bekömmlicher ist wenn es nicht gerade aus dem Ofen gekommen ist. Wir sind allesamt hochzufrieden und vergeben fünf Sterne.

Eine Sache stört Anna an der App: Nicht selten wird ihre Bestellung kurz vor dem Abholungstermin storniert. Man müsse da schon auch flexibel sein und dann eben umdisponieren, meint sie. Dass man die Speisen selbst abholen müsse, ist für die Studentin indes kein Problem. Es ist eine willkommene Angelegenheit im Lockdown einmal rauszukommen, meint sie.

Nimmt man anderen das Essen weg?

Für mich die wesentliche Frage ist, was mit der Ware geschehen würde, würde sie nicht über die App verkauft. Würden sie auf dem Müll landen? Oder an bedürftige Stellen verteilt? Im zweiten Falle wäre es wohl besser denen das Essen zu überlassen, die es wirklich brauchen. Doch so eindeutig lässt sich die Frage nicht beantworten. In der Bäckerei sagen sie mir, es würde ansonsten entsorgt. Der Curry-Anbieter will die Frage gar nicht beantworten. Es sieht aber so aus, als ob sich der Inder neben dem 0815-Take Away über die App eine zweite Abnehmerschiene aufgebaut hätte, die sie bei der Zubereitung der Speisen gleich mit einplant. Die App als Teil des Geschäftsmodells quasi.

Das persönliche Fazit fällt positiv aus. Man braucht ein wenig Geduld bis man die für sich passenden AnbieterInnen gefunden hat. Und man sollte hin und wieder einen Blick in die App werden. Ansonsten vergisst man ziemlich schnell, dass man auf dem Weg überschüssiges Essen „retten“ kann – und dabei auch noch Geld spart.

Kommentare

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    Systemkritiker

    08.03.2021, 9:32

    Bad enough to go ….
    Weg mit dieser App!

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    Beverly Mills

    08.03.2021, 9:30

    Meiner Meinung nach besteht eine große Gefahr darin, dass das Ziel der Vermeidung von Verschwendung verwässert wird, wenn man darauf ein Geschäft aufbaut. Im schlimmsten Fall kommen sogar noch mehr Nahrungsmittel auf den Markt und die Verschwendung wird noch größer. Ich persönlich bin kein großer Fan dieser Anti-Verschwendungs-App. Da hatten die Dänen schon mal bessere Ideen ….

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    Rudolf

    08.03.2021, 9:27

    Also ich persönlich finde, dass generell viel zu viel gefressen wird …. dieses fragwürdige Konzept trägt nur noch mehr zur Verfettung der Menschheit bei. Ich bin dafür dass Essen gut und teuer sein soll.

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    Jack Reader

    08.03.2021, 9:27

    War auch bei dem Inder – das ganze hat mit Nachhaltigkeit genau nix zu tun – die kochen extra dafür – und die leute holen sich ausschließlich ihr billigfood – bei dem preis kann man sich die qualität ausmalen…

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