Der Mobilitätswende so nah und doch so fern …

Gerald Franz | 09.06.2020

4 spurige Strasse, © G. Franz

Ein zentraler Schlüssel zur Bekämpfung der Klimakrise liegt in unserem Mobilitätsverhalten. Wir alle wissen das, geändert hat sich allerdings wenig – gerade weil wir an unserer Individualmobilität mit dem Auto festhalten. Meiner Meinung nach, weil wir es nicht anders wollen, und zum Teil, weil wir davon abhängig sind. Auch die Corona-Krise wird in großen Teilen des Landes daran wenig ändern, im Gegenteil!

Wenn man der aktuellen medialen Berichterstattung folgt, dann fallen einem zum einen die zahlreichen Meldungen aus dem Verkehrs- und Mobilitätsbereich auf, zum anderen staunt man über sehr unterschiedliche Entwicklungen:

Man liest, dass wieder mehr Menschen auf das Auto setzen und weniger öffentlich unterwegs sind. Das ist aus Nachhaltigkeitssicht traurig, aber wenig verwunderlich: man fühlt sich sicher und braucht auch wieder weniger schlechtes Gewissen haben. Gesundheit geht vor!

Zum anderen zeigen sich aber positive Entwicklungen indem in vielen europäischen Städten mehr Platz für Radfahrende und FußgeherInnen geschaffen wird. In Paris, Brüssel, Berlin, etc. nutzt man die Coronakrise als Chance und befreit sich vom privaten Auto, das in den letzten Jahrzehnten viele Probleme geschaffen hat: Luftverschmutzung, Lärm, Verknappung des öffentlichen Raumes usw. Heute entstehen Pop-Up Radwege, also sichere Radstreifen, indem Autospuren für Radfahrende gesperrt werden, Flaniermeilen mit Grünbereichen werden geschaffen, Zufahrtsbeschränkungen für Zentren treten in Kraft.

Ortskern-Parkplatz, © G. Franz

Eine Chance auch für österreichische Städte?

Mitnichten. Als gelernter Österreicher kennt man die Antwort: bei uns geht das nicht, weil … bei uns ist alles anders. Darauf möchte ich etwas näher eingehen: ich denke erstens wollen wir nicht, und zweitens können wir zum Teil wirklich nicht mehr, weil wir uns die Möglichkeiten dafür im wahrsten Sinne des Wortes verbaut haben.

Warum wir nicht wollen?

Vor einigen Jahren habe ich einen Artikel darüber gelesen, dass Hirnforscher die Liebe der Menschen zum Auto analysiert und festgestellt haben, dass sie dieses vermenschlichen.
Kein Wunder, jahrzehntelanges emotional aufgeladenes Marketing hat gewirkt. Bei Männern ist es nach wie vor Statusdenken, bei Frauen stärker die individuelle Autonomie, die sie damit verbinden.

Das Fahrrad kann dem Auto dabei niemals das Wasser reichen, auch wenn die täglichen Wege damit kurz und unkompliziert abwickelbar wären. Es werden zwar viele Fahrräder gekauft, aber hauptsächlich als Freizeit-/Sportartikel genutzt. Als Mittel zur Alltagsmobilität wird das Fahrrad am Land, so kommt es mir vor, belächelt und in der Stadt ist man davon genervt, weil RadfahrerInnen die freie Fahrt behindern (fehlende Fahrradinfrastruktur!) und weil man als AutofahrerIn mehr aufpassen muss!

Und warum können wir nicht?

Hier liegt der viel größere Hund begraben. Gerade weil wir unsere Autos so lieben und so davon abhängig sind, wurden vor allem am Land in den letzten Jahrzehnten Strukturen geschaffen, die ein Leben ohne Auto tatsächlich nicht mehr möglich machen. Das ist vordergründig ein Problem für die, die nicht mehr fahren können oder sich kein Auto leisten können.

Bei einem genaueren Hinsehen ist es aber ein Problem für uns alle: die Bodenversiegelung steigt (Parkplätze in Gewerbezentren sind teilweise dreimal größer, als die Verkaufsfläche), die Überhitzung betrifft nun auch ländliche Regionen. Der soziale Zusammenhalt sinkt, weil sich keiner mehr im Zentrum trifft, sondern von Geschäft zu Geschäft fährt.

Die Zentren sterben aus und müssen mit öffentlichen Geldern wie Komapatienten am Leben erhalten werden. Und letztlich wird unsere schöne, touristisch so wichtige Landschaft verschandelt, verödet durch uninspirierte Fachmarktzentren und in die Fläche gebaute Gewerbegebiete. Eine Planungskultur, die wir – vielleicht gar nicht bewusst – aus den USA übernommen haben. Ein Blick dahin zeigt uns was uns blühen könnte:
flächiger Leerstand, weil mehr Menschen in die Städte ziehen und verwaiste Verkaufsflächen, weil immer mehr online bestellt wird.

Letztens wurde in einem Artikel der Tageszeitung Der Standard mit dem Titel „Das Land wird hässlich“ genau darauf aufmerksam gemacht. Viel Zustimmung gab es da in den Kommentaren, aber eine Meldung hat die ganze Misere auf den Punkt gebracht: in den Ortskernen gibt es lästige Kurzparkzonen und zu wenige Parkplätze – in Zukunft sollen noch mehr Ärzte, Rechtsanwälte, Apotheken in die Gewerbegebiete ziehen. Genau das ist in meiner Heimatstadt passiert: die Post ist nun im außerhalb gelegenen Einkaufszentrum. Für ältere oder kranke Menschen, außer mit dem Taxi, nicht erreichbar. Der Traum der autogerechten Stadt ist wahr geworden, für Mensch und Umwelt ein Albtraum!

Das mag alles wenig positiv klingen und ist es auch nicht, weil ein weiter Weg vor uns liegt. Für die Mobilitätswende braucht es nicht nur einen Wertewandel, der nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern eher mit dem Hausverstand herbeigeführt werden kann. Ein Wandel in der Planungskultur hin zu weniger Bodenverbrauch, schöner gestalteten öffentlichen Räumen, belebten historischen Plätzen, Begegnung und Miteinander zwischen Jung und Alt sollte uns allen wichtig sein. Die Mobilitätswende ist somit mehr als der Umstieg auf Elektroautos, sondern eine Wende hin zu attraktivem öffentlichen Verkehr, fuß- und radgerechten Dörfern und Städten, kompakten Siedlungsstrukturen!

Vielleicht ist es eine Utopie, aber wir waren schon einmal dort! Wir müssen es aber auch wollen und einfordern!!

Kommentare

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    Marion

    24.06.2020, 16:36

    Super gute Analyse der Mobilitaetssituation!

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