Schämen oder nicht schämen, ist das hier die Frage?

Sabine Schellander | 05.11.2019

Mit meinem Blogbeitrag möchte ich diesmal einfach mal ein paar Gedanken in den Raum stellen und freue mich, falls jemand seine Meinung dazu mit uns teilen möchte. Mein Beitrag ist auch keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern mehr als Dialog zwischen mir und Euch zu werten.

Aber fangen wir mal mit ein paar Fakten an, die mir seit neuesten im Kopf herumschwirren:

Etwas, das allen vielleicht schon bekannt ist: (bitte nagelt mich nicht auf die genauen Werte fest, je nach Quelle fluktuieren diese ein wenig)

1 Tonne CO2 Äquivalent entspricht in etwa einer:

  • 5.000 km langen Autofahrt (Ø Benzinverbrauch 8,5 l)
  • 10.000 km langen Busfahrt
  • 45.000 km langen Bahnfahrt (damit kommt man ca. 11x um die Erde, für den Fall, dass ihr das wissen wollt) oder
  • 4 Flügen Zürich nach London & retour

Ein Langstreckenflug pro Person produziert ca. 1-2 Tonnen CO2 Äquivalent. Um 1 Tonne CO2 zu binden braucht eine Buche 80 Jahre oder eben 80 Buchen ein ganzes Jahr.

Details, die euch vielleicht neu sein könnten und die mich zum Nachdenken gebracht haben

Mit An- und Abreise, Sicherheitsschecks und Wartezeiten, kann – natürlich je nach Strecke – sich die Zeitersparnis Flugzeug gegenüber Zug relativieren. Und betrachtet man dann in weiterer Folge die effektive Arbeitszeit, die man aufwenden kann, um bspw. während seiner Reise an wundervollen Blogbeiträgen zu schreiben, wird es noch spannender. Da schneidet der Zug oft besser ab als der Flieger. Natürlich auch je nach Reisestrecke, Länge und vermutlich WLAN. 

Zug vs Flieger so ca. kann das aussehen

Dinge, die man so vielleicht wirklich noch nicht wusste:

2017 fielen allein durch das Catering und Service bei Flügen knapp 6 Mio. Tonnen Abfall an. Diese Menge bezieht sich auf ca. 4,1 Milliarden beförderte Fluggäste. (Quelle: IATA, 2018b) 

2050 wird von der Internationalen Luftverkehrs-Vereinigung (IATA) ein Passagieraufkommen von 16 Milliarden Menschen prognostiziert (IATA, 2011, S. 74), was das jetzt für die Abfallmenge bedeutet, könnt Ihr Euch selber denken. 

Man kann Flugreisen kompensieren und CO2Zertifikate kaufen, die für Klimaschutzprojekte aufgewendet werden. Allerdings machen das erst ca. 2% der Fluggäste. 

Warum ich Euch das jetzt erzähle?

Weil ich in Kürze das dritte Mal in diesem Jahr nach Portugal fliege. Und ja, ich fürchte, ich schäme mich das erste Mal dafür. Wobei, es kommt natürlich drauf an, wem ich das erzähle, aber so von Nachhaltigkeitsmensch zu Nachhaltigkeitsmensch, fühle ich mich nicht so brillant, wenn ich das mal so festhalten darf.

In diesem Sinne, kann ich also behaupten: Hallo liebes „Flight Shaming“, Du bist jetzt auch bei mir angekommen. 

Flüge sind mittlerweile so billig, dass die Hemmschwelle oft gering ist, sich nicht für 49,99- mal schnell nach Barcelona zu schmeißen. Auf ein paar Drinks und 3x die Füße ins Meer stecken, um am Montag wieder im Büro zu sitzen. Klar, es kommen dann noch die Steuern und das Gepäck und die Kosten für den Sitzplatz on top, aber ok selbst 99,99- klingen noch toll.

Warum also nicht sofort buchen und in den Flieger springen?

Warum fühle ich mich dann das erste Mal echt schlecht, dass ich in ein paar Tagen am Sicherheitscheck stehe?

In der Arbeit skype ich vornehmlich, da springe ich auch nicht jedes Mal ins Auto oder den Flieger für ein Meeting von ein paar Stunden. Und wenn es mal sein muss, versuche ich, wo es nur geht, mit dem Zug zu reisen. Warum kann ich also nicht Urlaub bei Freunden ums Eck machen? Warum muss es die große weite Welt sein? 

Auf diese Frage gibt es jetzt natürlich tausend gute und schlechte Antworten und wenn wir das wirklich diskutieren, bräuchten wir vermutlich Tage. Fakt ist aber, ich denke ich sollte langsam auch in Richtung Flugreisen umdenken. 

Und ja, ich weiß. Es wird mühsam. Aber es war auch beim Auto kurz schwer und jetzt fahren viele lieber mit der U-Bahn als fluchend im Stau zu stehen. Auch die öffentlichen Verkehrsnetze werden immer weiter ausgebaut und Auto fahren immer weniger attraktiv in der Stadt.

Mein Deal mit mir selber

Wie auch immer, ich habe mir jetzt für mich beschlossen, sch* auf Flight Bashing und Flight Shaming.

Ab sofort reduziere ich mein Reisefieber auf nur eine Flugreise pro Jahr. Damit kann ich mein Fernweh stillen und gleichzeitig meiner Tochter die Welt zeigen. Und neben dem besseren Gewissen, lerne ich jetzt so vielleichte Flecken dieser Erde (in der Nähe) kennen, die ich sonst nie gesehen hätte, oder maximal von oben. 

Zumindest habe ich es vor. Mal sehen, ob ich nach der Winterdepression auch noch so begeistert von meinem Deal mit mir selber bin. Aber ich schaff das. Und vielleicht springe ich sogar irgendwann mal in die Transsibirische Eisenbahn und wage das Abenteuer. Ich hab schon viel davon gehört und so kann man die Reise selber zum Abenteuer machen. Und entschleunigen soll es auch. Sehr sogar. 

Kommentare

  • Avatar

    Gerret

    06.11.2019, 0:47

    Flugschämen kann ich durchaus nachvollziehen, weil wir im Grunde ja nichts kaputt machen jedoch unsere Freiheit genießen wollen. Solange du nicht als Eremit und Selbstversorger lebst musst du Kompromisse eingehen, da du Ressourcen verbrauchst. Dieses Gleichgewicht muss jeder mit sich selbst ausmachen. Ich bin beruflich jahrelang jede Woche geflogen, ist da ein privater Flug im Jahr um ein paar Wellen zu reiten so schlimm? Wenn ich mich jetzt schäme darf ich ab jetzt gar nicht mehr fliegen um das wieder gut zu machen? Ich finde es wichtig bewusste Entscheidungen zu treffen, damit man mit sich selbst im reinen bleibt. Denke du bist am besten Weg.

    Antworten
    • Sabine Schellander

      06.11.2019, 14:46

      Hallo Gerret, Danke für Dein Kommentar. Ich sehe es ähnlich wie Du, man muss sich Gedanken machen, wie und wo man etwas tun will und kann. Jeder für sich und angepasst an den jeweiligen Lebensstil. Denn auch ein nachhaltiger Lebensstil soll Freude bereiten.

Hinterlasse einen Kommentar

Du kannst Dich zum Schreiben eines Kommentars auch mit Deinem wir-leben-nachhaltig-Account anmelden.