Interview mit Wolfgang Pfoser-Almer, Wear Fair

Daniela Capano | 17.09.2019

Interview mit Wolfgang Pfoser-Almer, Wear Fair
Foto: Interview mit Wolfgang Pfoser-Almer, Wear Fair; © D. Capano, eNu

2008 gründeten drei Organisationen, die sich für fairen, nachhaltigen Konsum einsetzen -Klimabündnis, Südwind und Global 2000- den Verein WearFair, um die Messe „WearFair +mehr“ in Linz zu organisieren. Seitdem findet sie jährlich statt und ist mittlerweile die größte österreichische Messe für Nachhaltigkeit und öko-fairen Konsum.

Wolfgang Pfoser-Almer ist Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins und für die Gestaltung der „WearFair +mehr“ zuständig, die heuer vom 4. bis 6. Oktober 2019 in der Tabakfabrik in Linz stattfindet.

Herr Pfoser-Almer, 2017 überraschten Sie die Nachhaltigkeitsszene, als Sie als Filmemacher und jahrelang im Kulturbereich Tätiger die Leitung der WearFair+mehr übernommen haben. Mittlerweile haben Sie schon zwei Messen abgewickelt. Was hat Sie an der WearFair gereizt? Was haben Sie Neues einbringen können?

Ich war vorher viele Jahre lang Leiter von einem großen Musikfestival in Oberösterreich, dem Linzfest. Mit den Jahren habe ich immer stärker gemerkt, dass mich Nachhaltigkeitsthemen interessieren und wir haben uns beim Linzfest bemüht, sehr viele gesellschaftlich relevante Themen aufzugreifen. Wir waren schon seit vielen Jahren ein Green Event und haben versucht, für uns wichtige Themen aufzugreifen, aber letztlich habe ich dort immer nur Entertainment gemacht. Es war halt immer „nur“ ein Festival.

In meinem WearFair Team sind ganz großartige Leute, die in ihrem Fach absolute Koryphäen und Expertinnen und Experten sind. Im Prinzip muss ich alle nur ihre Arbeit machen lassen. Und ich versuche alles in einem sinnvollen Rahmen zu halten und in eine gemeinsame Richtung zu lenken.

Was ich auch neu eingeführt habe ist, dass wir einen jährlichen Schwerpunkt haben. Im letzten Jahr hatten wir einen Schwerpunkt zum Thema Faire IT. Im heurigen Jahr haben wir den Schwerpunkt auf das Thema Nachhaltigkeit im Sport gelegt. Sport ist ja ein riesig großer Wirtschaftszweig und ein dementsprechend großer Konsumbereich. Da wollen wir zeigen, dass es auch im Sport möglich ist, sich nicht nur fair, sondern auch nachhaltig zu verhalten.

Die WearFair besticht durch ihre AusstellerInnen-Vielfalt. Längst ist sie keine reine Modemesse mehr, sondern es gibt Schuhe, Schmuck, Accessoires, Naturkosmetik und vieles mehr. Wie wählen Sie ihre AusstellerInnen aus?

In den ersten drei bis vier Jahren wurde offensichtlich ein Nerv getroffen, weil die WearFair ist sehr schnell stark gewachsen. 2014 wurde dann die Entscheidung getroffen, dass die WearFair eine 360-Grad-Messe sein soll, das heißt die WearFair soll für jede Konsumentscheidung, die ein Mensch treffen kann, eine nachhaltige Alternative bieten. Nach dem wählen wir unsere AusstellerInnen aus. Wir versuchen, uns möglichst breit aufzustellen in den drei Bereichen Mode, Ernährung und Lifestyle. Und wir prüfen natürlich alle AusstellerInnen ganz genau. Wir haben sehr strikte Kriterien gemeinsam mit den drei NGOs entwickelt die hinter der Messe stehen – nämlich Südwind, Klimabündnis und Global 2000 – und Experten/innen aus diesen NGOs schauen sich jede/n einzelne/n AusstellerIn ganz genau an. Wir lehnen auch jedes Jahr 20 – 30 potentielle AusstellerInnen ab, die bei uns dabei sein möchten, weil sie einfach nicht nachhaltig genug für uns sind.

Der Schwerpunkt der WearFair +mehr liegt heuer beim Thema Sport. Was können wir BesucherInnen uns heuer an Neuigkeiten erwarten?

Zum Schwerpunktthema haben wir viele Aussteller und Ausstellerinnen aus dem Sportbereich eingeladen, auch ein kleiner Fußballschwerpunkt wird zu erkennen sein. Wir haben z.B. die Firma Rasenreich, die Fairtrade-Fußbälle anbietet und dazu noch eine ganz neue Fußballtrainingsmethode entwickelt hat. Die haben unrunde Bälle – die sind tatsächlich eckig – und können so die Reaktionsfähigkeit der SpielerInnen erhöhen. Sie sind damit derzeit wahnsinnig erfolgreich und halten Vorträge bei Real Madrid und Bayern München. Sie werden ihre Trainingsmethode auf der Bühne präsentieren, und man kann es am Outdoor-Stand auch ausprobieren. Wir machen auch eine Diskussion zum Thema Menschenrechte bei der Fußball-WM 2022 in Katar, gemeinsam mit dem österreichischen Fußballmagazin Ballesterer. Und noch vieles mehr.

Wir haben viele AusstellerInnen aus dem Sportmode-Bereich, die Trainingskleidung für In- und Outdoor, für Jung und Alt, kalt und warm anbieten. Fürs Joggen, Fitness, Yoga usw. Dann haben wir AusstellerInnen aus dem Ernährungsbereich: Es gibt Fitnessriegel, Fitnessdrinks etc. Wir haben auch einen Aussteller, der produziert Bio-Muskelproteine. Das finde ich auch ganz spannend, dass wir damit wieder einen neuen Aspekt in die Sportwelt bringen.

Denn ganz viele Dinge, die wir im konventionellen Handel kaufen, machen uns eigentlich krank. Das war auch mein persönlicher Einstieg in das Nachhaltigkeitsthema vor sieben, acht Jahren. Ich war in Wien auf der Mariahilfer-Straße einkaufen und habe Hemden probiert. Auf einmal ist mein ganzer Oberkörper rot geworden, mir ist heiß geworden und ich bin tatsächlich bei einer U-Bahnstation umgekippt. Das war von diesem Hemd, das offenbar voller Pestizide war. Ein eindeutiges Symbol, dass sich Nachhaltigkeit wirklich auf die Gesundheit auswirken kann.

Interview mit Wolfgang Pfoser-Almer, Wear Fair
Interview mit Wolfgang Pfoser-Almer, GF WearFair

Auch unser Rahmenprogramm steht im Zeichen des Sports. Wir veranstalten das erste Plogging – das ist ein neuer Trendsport aus Schweden. Da geht es darum, beim Joggen Müll aufzusammeln. Das machen wir das erste Mal in Oberösterreich, sozusagen die OÖ-Premiere. Und wir machen Programmpunkte zum Thema Green Events, weil Green Events auch für Sportveranstaltungen ganz wichtig sind. Wir sind selbst auch ein Green Event. Wir haben zum zweiten Mal hintereinander den Preis für das beste Green Event des Landes gewonnen.

Auch heuer werden wieder rund 15.000 BesucherInnen an den drei Messetagen teilnehmen, mit ca. 200 AusstellerInnen und einem großen Rahmenprogramm an Vorträgen und Kursen. Wie schwer ist es, den BesucherInnen die Nachhaltigkeit der Messe vorzuleben. Die AusstellerInnen möchten ja möglichst viel verkaufen? Steht das für Sie im Wiederspruch?

Natürlich ist das beste Produkt so gut wie immer das, das man schon besitzt. Jedes Produkt braucht zur Produktion jede Menge Energie und Ressourcen. Deswegen ist es immer gut, wenn man ein Produkt lang verwendet. Nichtsdestotrotz brauchen wir alle immer wieder mal etwas Neues, wollen wir uns alle hie und da was gönnen. Da ist es dann gut, wenn man drauf schaut, wo kommt dieses Produkt her, wie ist es produziert, was ist da drinnen. Wir prüfen unsere AusstellerInnen sehr genau, das heißt bei uns können sich die BesucherInnen wirklich drauf verlassen, dass alles was sie kaufen, ein kleines bisschen die Welt rettet. Ganz viele Leute kommen zu uns auf die Messe und machen da fast ihren Jahreseinkauf an Kleidung, weil sie einfach wissen, dass sie bei uns mit gutem Gewissen aus dem Vollen schöpfen können. Weil wenn man sonst durch die Einkaufsstraßen geht, findet man ja kaum etwas wirklich Nachhaltiges. Es bisschen besser wird’s aber inzwischen, das ist auch sehr schön.

Mittlerweile haben es zwei Labels, die früher bei uns waren, in die großen Handelsketten gebracht. Da freuen wir uns wirklich wahnsinnig drüber.

Kurz nachgefragt:

Was war Ihr bisher seltsamster Job?

Als Student hatte ich ein Promotion-Job. Da bin ich als Kaktus verkleidet durch die Linzer Hauptstraße gegangen.

Früh- oder Spätaufsteher?

Frühaufsteher, gezwungenermaßen.

Ihr größte Ausgabe in den letzten 12 Monaten?

Ich hab mir von einer Tischlerin einen maßgeschneiderten, zuklappbaren Schreibtisch für mein Home-Office machen lassen. Das war teuer, aber es zahlt sich jeden Tag aufs Neue aus.

Dieses Talent würde man Ihnen nicht zutrauen:

Ich bin ein ziemlich guter Bio-Gärtner am Balkon. Bei uns wachsen Tomaten, Gurken, Erdbeeren, Himbeeren, Heidelbeeren, Lauch, Kren, Weintrauben, zwei Sorten Kohl, Paprika, Marillen und nächstes Jahr dann hoffentlich auch Aroniabeeren und Birnen. Natürlich alles regionale Pflanzen in Bio-Qualität, gedüngt aus unserer Wurmkiste.

Ihr erstes nachhaltiges Kleidungsstück?

Ein rotes T-Shirt von Muso Koroni aus dem 8. Bezirk.

Ich wäre gerne für einen Tag …

Egal in welcher Position, ein Tag reicht nicht, um wirklich etwas gegen die dringendsten Probleme auf unserer Welt auszurichten. Um etwa die Klimakatastrophe noch zu verhindern muss sich jeder einzelne Mensch täglich überlegen, was er/sie beitragen kann. Klar wäre es aber hilfreich, endlich PolitikerInnen an der Macht zu haben, die dieses Thema ernst nehmen und tatsächlich Veränderungen herbeiführen möchten.

Im Kino: Popcorn oder süße Naschereien?

Eher süß

Drei Dinge, die Sie in Ihrem Leben noch unbedingt tun möchten?

Ich möchte noch erleben, dass nachhaltige Produkte tatsächlich zum Normalfall werden. Außerdem möchte ich ein Buch schreiben und mein eigenes, richtig scharfes Kimchi machen. Ich liebe Kimchi!

Sie gelten als Filmbegeisterter. Ihr Lieblingsfilm-Genre?

Ich mag sehr gern Dokumentar-Filme, aber mein Lieblingsfilm ist, kein Scherz, „Zurück in die Zukunft“ Teil 1. Das ist die wahrscheinlich am besten konstruierte Story der gesamten Filmgeschichte, durchdacht bis ins letzte klitzekleine Detail, und das Finale ist schlicht ein Traum. Wie dieser ohnedies schon völlig wahnwitzige Plan mit dem Blitz und der Turmuhr mit jeder Sache die passiert noch ein Stückchen unmöglicher wird – bis es schließlich doch noch gelingt. Großartig.

Was waren Ihre ersten Schritte zu einem nachhaltigen Lebensstil?

Wie es dazu gekommen ist, habe ich schon erzählt. Ab diesem Zeitpunkt habe ich begonnen bei der Kleidung auf Nachhaltigkeit zu achten. Anschließend habe ich dann auch sehr schnell begonnen, Bio-Essen zu kaufen. Und wir haben auch schon seit fast 20 Jahren kein Auto mehr und fahren alles mit dem Zug.

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