Fragen an Prof. Dr. Franz J. Radermacher, Wissenschaftler und Buchautor

Christa Ruspeckhofer | 20.11.2018

Franz Josef Radermacher ist Professor für Informatik an der Universität Ulm in Deutschland, Mitbegründer der „Global Marshall Plan“-Initiative, Präsident des Senats der Wirtschaft e.V., Mitglied des „Club of Rome“ und Wirtschaftsexperte.

Er forscht und referiert seit Jahren zum Thema „Welt mit Zukunft“. In seinen Forschungen und Büchern beschäftigt er sich mit einer globalen Ökosozialen Marktwirtschaft und sieht diese als Schlüssel zu einer weltweiten nachhaltigen Entwicklung.

Die Gartenstadt Tulln lud den international bekannten Wissenschaftler gemeinsam mit der Universität für Bodenkultur im Rahmen der GREEN ART zu einem Kolloquium, wo wir Herrn Radermacher zum wir-leben-nachhaltig Interview trafen.

Im Oktober ist sein neues Buch „Der Milliarden-Joker-Wie Deutschland und Europa den globalen Klimaschutz revolutionieren können“ erschienen. Seine Forderung: Mit einem „Milliarden-Joker“ könnte die deutsche Politik dafür sorgen, dass deutsche Unternehmen, Institutionen und Organisationen ab 2025 jährlich mindestens eine Milliarde Tonnen CO2 in finanzielle Entwicklungszuschüsse verwandeln (Murmann Verlag).

Herr Prof. DDr. Radermacher, Sie sprechen über „Die Welt am Limit – Navigieren in schwierigem Gelände“. Frühere Vorträge von Ihnen trugen noch den Titel „Eine Welt in Balance ist möglich”. Ist es schon zu  spät? Ist unsere Welt nicht mehr zu retten? Oder ist die „Welt mit Zukunft“ noch möglich?

Ich habe einer Welt in Balance immer schon 35 % Wahrscheinlichkeit gegeben, der weltweiten Zweiklassengesellschaft 50 % und dem Kollaps 15 %. Über die letzten Jahre gesehen geht meine Einschätzung allerdings dahin, dass die 35% etwas abschmelzen in Richtung 30 %. Phänomene wie Trump in den USA und Brexit sind schwer zu verdauen.  Allerdings sind 30 % immer noch eine hohe Wahrscheinlichkeit, aber die Kräfte, die in die andere Richtung ziehen, sind sehr stark. Viele Potentaten in reichen, aber nicht voll entwickelten Ländern wollen keine Demokratie in ihrem Land, erst recht keine Weltdemokratie. Alle Bemühungen in Richtung sozialer Balance, besserer Ausbildung der Bevölkerung und der Frauengleichberechtigung werden offen oder auf verdeckte Weise bekämpft.

Sie arbeiten an einer „Brasilianisierung“ der Gesellschaft, also an einer Zweiklassengesellschaft, wie sie derzeit in Südafrika oder Brasilien gelebt wird, mit einer ausgebluteten Mittelschicht, einer kleinen sehr reichen Oberschicht und vielen armen Menschen. Ich bin in mehreren Initiativen zur Verbesserung der Situation der Frauen aktiv. Dort erleben wir immer wieder einen massiven Widerstand der Männer, die das nicht wollen, weil das die Machtbalance in der Gesellschaft verändert.

Auch die Dekarbonisierung rüttelt am Gleichgewicht. Wenn wir die Dekarbonisierung wollen, dann ist das fast ein wirtschaftliches Todesurteil für Russland, für den Iran, den Irak und Saudi-Arabien. Und auch die USA als mittlerweile größter Produzent von Erdöl, wäre schwer getroffen. Viele Staaten leben davon, dass sie uns fossile Energieträger verkaufen. Und mit dem Ziel Dekarbonisierung sagen wir im Grunde, dass wir diese Rohstoffe nicht mehr wollen – wegen der Klimafrage! Das bringt die Welt aber nicht in Balance. Wir können global gesehen das Klimaproblem nicht so lösen, dass die Menschen in diesen Ländern verarmen – und mit ihren dann auch die Gastarbeiter aus Bangladesh und Indien in den arabischen Ölstaaten. Dann lösen wir nämlich das Klimaproblem über Verarmung und zwar über die Verarmung der Ärmsten. Wir müssen alternative Entwicklungskonzepte schaffen.

Sie sind schon seit Jahren ein Verfechter für eine weltweite Ökosoziale Marktwirtschaft und setzen sich für die Global Marshall Plan Initiative ein. Die Global Marshall Plan Initiative wurde erstmals 1990 vom US-amerikanischen Politiker, Unternehmer und Umweltschützer Al Gore in seinem Buch „Wege zum Gleichgewicht – Ein Marshall Plan für die Erde“ veröffentlicht. Können Sie unseren LeserInnen in kurzen Sätzen erklären, was die globale Ökosoziale Marktwirtschaft ausmacht und welche Kernbotschaften die Initiative „Global Marshall Plan“ vertritt?

Die globale, ökologische, soziale Marktwirtschaft, die ja schon vor mehreren Jahrzenten sehr stark von Österreich ausgehend vom damalige Vizekanzler Josef Riegler angetrieben wurde, möchte das Modell der sozialen Marktwirtschaft, erweitert um die ökologische Dimension, auf den ganzen Globus übertragen. Sie möchte eine weltweite Ökonomie schaffen, die überall auf der Welt vernünftige Standards für die Umwelt und für das Klima, aber auch soziale Mindeststandarts erfüllt.

Mit unserem globalen Kapitalismus kommen wir bisher immer wieder dahin, dass in ärmeren Ländern aus Not die ökologische und soziale Standards immer weiter nach unten gefahren werden, dabei die Umwelt zerstört und Menschen ausgebeutet werden, damit in der Folge Konsumenten in  Ländern billig einkaufen können. Das genau möchte die Ökosoziale Marktwirtschaft nicht. Das bedeutet, dass sie bereit ist, Transfers zu zahlen. Es geht Transfers in Österreich wie den Finanzausgleich, wir haben das auch in Deutschland. Wir sagen, wir brauchen auch Transfers in Europa und wir brauchen weltweite Transfers.

Der Ansatz unserer Initiative wir-leben-nachhaltig ist es, einfach umsetzbare Tipps zu geben, den eigenen Lebensstil nachhaltiger zu gestalten – ganz ohne erhobenen Zeigefinger! Können wir als KonsumentenInnen wirkungsvoll nachhaltig handeln? Welche sind die wichtigsten Botschaften, die Sie unseren LeserInnen vermitteln möchten?

Wollen wir uns global für den Klimaschutz engagieren, müssen wir Bewusstsein schaffen, dass es wichtig ist, dass die Staaten den zugesagten Klimafinanzausgleich bezahlen. Mit dem Paris Vertrag 2015 haben die reichen Länder ab 2020 100 Milliarden Dollar Hilfe pro Jahr versprochen, um auch in den ärmeren Ländern Technologien anzuschaffen, die es ermöglichen CO2-Emissionen einzusparen und die Klimaziele zu erreichen.

Ich selbst halte nichts viel von Wohlfühlökologie: Die meisten Menschen, die bei uns irgendwie versuchen ökologisch zu leben, wollen so leben, wie sie leben und gleichzeitig soll man ihnen auf die Schulter klopfen und bestätigen, wie nachhaltig sie sind! Z.B. weil sie lokale Güte einkaufen. Das ist mir zu wenig. Fair Trade-Produkte zu kaufen ist mindestens genau so wichtig wie regionale ökologische Produkte. Mir sind in einer globalen Marktwirtschaft die Devisen für die ärmeren Länder wichtig, sonst ist dort mehr Wohlstand nicht möglich. Natürlich sollten wir und für soziale und ökologische Standards in diesem Ländern engagieren – wie dies die Fair Trade-Bewegung vorgemacht.

Ein großer Hebel für die Nachhaltigkeit ist aus meiner Sicht, sich klimaneutral zu verhalten. Also die eigenen Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr über globale Kompensationsprojekte in Nicht-Industrieländern bilanziell auszugleichen.  Das kostet vielleicht ca. 40 € oder 70 € pro Jahr, und hilft den Menschen vor Ort. Wenn sie z.B. 6 Tonnen CO2 pro Jahr durch ihren Lebensstil erzeugen, können sie durch das Finanzieren von Projekten in Nicht-Industrieländern ihre 6 Tonnen CO2 wieder der Atmosphäre entziehen, z.B. durch Aufforstung. Aufforstung bringt vor Ort viele sogenannte Co-Benefits, z.B. Arbeitsplätze, Infrastruktur, Stabilisierung des Wasserhaushalts, Erholung der Biodiversität und vieles mehr.

Ich habe 2013 gemeinsam mit 10 Unternehmen in Vorarlberg  das Klimaneutralitäts-Bündnis 2025 gegründet. Heute haben sich 118 Unternehmen und Organisationen diesem Bündnis angeschlossen, um sich in den nächsten Jahren klimaneutral zu stellen. Die  illwerke vkw in Vorarlberg organisieren das Bündnis und setzen mittlerweile eigene einige Vorbild-Projekte in Afrika um.

Jeder kann sich aber auch als Privatperson klimaneutral stellen oder über z.B. „atmosfair“ seine Flugreisen. Es gibt viele Organisationen, die CO2-Kompensationen anbieten, auch in Österreich.

Wir haben in Deutschland z.B. die sogenannte Klima-Kollekte, die solche Angebote macht. Hier arbeiten die katholische und die evangelischen Kirche in diesem wichtigen Themenbereich zusammen. Die Kirchen setzten auf CO2 Neutralisierung mit dem zusätzlichen Ziel, dadurch die Armut vor Ort zu überwinden. (Anmerkung: In Österreich wird die Klima-Kollekte von der Diakonie Austria organisiert).

Kurz nachgefragt:

Ihr Berufswunsch als Kind?

Ich wollte Förster werden, Atomphysiker oder irgendetwas im Bereich Mathematik, Ökonomie, Informatik. Und so ist es auch gekommen.

Was war ihr bisher ungewöhnlichster Job?

Ich habe in Köln ein Museum der Zukunft konzipiert (Odysseum Köln), dessen Besuch ich sehr empfehle. Desweitere habe ich ein Musical und ein Theaterstück geschrieben

Wenn Sie nur eine Sache ändern könnten, um die Welt zu verbessern, was wäre es?

Ich hätte gerne eine vernünftige Ökosoziale Ordnungsstruktur für den Globus.

Welches Buch hat Sie besonders inspiriert?

Grenzen des Wachstums von Dennis Meadows

Welcher Versuchung können Sie nicht widerstehen?

Unter den Versuchungen, denen ich nicht widerstehen kann, sind insbesondere viele Süßigkeiten.

Links:

Klimaneutralitätsbündnis 2025

Einige AnbieterInnen von CO2-Kompensationen:

Österreich

ClimateAustria
Klima-Kollekte der Diakonie Austria
Eec Austria
BOKU: CO2-Kompensationssystem für Flugreisen

Deutschland

Atmosfair

International

my climate

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