Interview mit Matthias Di Felice, GF von Compuritas

Daniela Capano | 27.02.2018

Compuritas wurde 2009 gegründet und ist heute einer der österreichischen Pioniere in Sachen nachhaltiges Refurbishment von IT-Geräten mit Sitz in Graz. Das Konzept ist einfach: Compuritas übernimmt qualitativ hochwertige Notebooks, PCs, Smartphones und Tablets von österreichischen Unternehmen, diese werden gereinigt, neu aufgesetzt und mit neuer Garantie an Schulen und Vereine aber auch Business- und Privatkundinnen und -kunden kostengünstig weitergegeben.

Als „kleine Kellerwerkstatt“ begonnen entwickelt sich Compuritas – auch mit Hilfe des Gewinns der Startup TV-Show „2 Minuten 2 Millionen“ und zwei erfolgreichen Crowdinvesting- Kampagnen – weiter. Matthias Di Felice begleitet diese Entwicklung seit 2012, zuerst als technischer Leiter, seit Anfang 2017 als zweiter Geschäftsführer.

Matthias, euer Konzept klingt sehr einfach. Ihr kauft IT-Geräte von Firmen, baut sie neu auf und verkauft sie günstig weiter. Wie seid ihr auf diese Idee gekommen? Was waren die Beweggründe?

Das Konzept stammt von Rüdiger Wetzl, der Compuritas 2009 als Einzelunternehmen gegründet hat. Er hat eine Lücke gesehen zwischen sehr hochwertigen Geräten, die von Firmen zyklisch getauscht werden und dem Bedarf von Schulen und Vereinen, die sich vom Budget her schwer tun, genügend gute Geräte zu kaufen. In diesem Digital Gap hat er sein Unternehmen positioniert.

Start-ups kommen und gehen. Compuritas ist schon länger am Markt und entwickelt sich ständig weiter. Ihr wart Gewinner der ersten Staffel der Show „2 Minuten 2 Millionen“, macht bei Crowdfunding-Projekten mit und gehört zu den meistprämierten Computer-Refurbishern europaweit (Trigos 2011, Klimaschutzpreis Österreich 2012, Central European Startup Award 2015 etc.). Was sind eure Erfolgsfaktoren?

Das, und zusätzlich ein gutes Team ist nötig. Viel Teamwork und viel miteinander reden. Wichtig ist auch, dass man wirklich gern macht, was man macht. Und nebenbei muss man versuchen, auch auf das private Leben zu schauen, damit der Ausgleich passt – was, glaub ich, wie jedes Start-up sagen kann, sehr schwer möglich ist.

Wirken sich diese Auszeichnungen auch auf euer „Tagesgeschäft“ aus? Und über welchen Preis hast du dich persönlich am meisten gefreut bzw. welcher hat dich am meisten Stolz gemacht und warum?

Auf jeden Fall bringen die Auszeichnungen eine sehr große Zusatzmotivation und eine Bestätigung, dass das, was man macht, auch in der Öffentlichkeit gern gesehen wird. Die Leute sagen dann: „Ah, ich hab schon einmal gehört von ihnen“.
Auf den Klimaschutzpreis sind wir ganz stolz. Weil das genau unser Thema ist, und den kriegen normalerweise nur vier Unternehmen pro Jahr in Österreich. Da sind wir sehr stolz, dass wir da dabei sein dürfen.

PC, Laptops, Monitore und Smartphones sind wertvoll, der Markt ist sehr schnelllebig. Sie beinhalten zahlreiche seltene Metalle, die unter schlechten sozialen Bedingungen und immenser Umweltbelastung/-zerstörung gewonnen werden. Die Wiederverwertung von veralteten PCs, Laptops und Handys macht aufgrund der längeren Nutzungsdauer daher ökologisch und ökonomisch Sinn.
Ist es schwer, Unternehmen zu überzeugen, dass sie ihre IT-Geräte wiederverwerten? Müsst ihr sie davon überzeugen, dass die Daten wirklich vollständig gelöscht werden, damit sie ihre Geräte an euch abgeben?

Die meisten Unternehmen geben die Geräte nicht gern her. Es gehören viele Gespräche dazu. Man muss klarstellen, wie das mit den Daten läuft – vor allem mit der Datenvernichtung – und was mit den Geräten weiter gemacht wird.

Wir haben ein eigenes Verfahren, wo wir jedes Gerät komplett löschen. Das wird alles digital mitsigniert mit Zeitstempel und Seriennummer von Geräten und Festplatten. Diese Protokolle müssen wir den Firmen auch weiterleiten. Wir würden nichts kriegen, wenn wir das nicht hätten.

Gehen euch die Computer aus?

Die Nachfrage ist im Moment größer als was wir bekommen. Weitere Partnerfirmen zu kriegen wäre sicher gut. Wir hängen uns im Moment stark hinein, um eine Verbindung zu schaffen vom einen öffentlichen Sektor zum andern öffentlichen Sektor. Das heißt zum Beispiel von Ämtern der Bundesländer zu den Schulen. Die Ämter haben gute, professionelle Hardware, es ist aber nicht leicht, die zu bekommen, aber das bräuchten die Schulen.

Schwierig ist es vor allem deswegen, weil die Abläufe genau geregelt sind und wenn etwas Neues kommt, ist es oft schwierig, weil es den Amtsweg durchlaufen muss. Es braucht dann jemanden, der dort sehr motiviert ist und dahinter steht. Wir müssen eine Ansprechperson finden, die das übernimmt, mit uns zusammenarbeitet und die Termine organisiert. Bei den Terminen kann man dann die Skepsis und die Ängste wegen der Datensicherheit ausräumen. 

Foto: Interview mit GF Matthias Di Felice

Interview mit GF Matthias Di Felice

Wie lange erhöht sich die Nutzungsdauer der Geräte?

Das Alter der Geräte ist ungefähr drei bis vier Jahre und wir versuchen diese Laufzeit zumindest zu verdoppeln. Die meisten Kunden nutzen die Geräte noch viel länger – es sind ja gute Geräte.

Nicht nur in Firmen fallen alte PCs, Monitore und Laptops an. Können auch Private ihren veralteten PC bei euch abgeben oder gegen ein moderneres Gerät tauschen oder „upgraden“?

Wir arbeiten ausschließlich mit Businessgeräten, weil dann die Qualität gegeben ist, die wir für Reuse brauchen. Außerdem geben Privatkunden Geräte meistens erst dann her, wenn diese kaputt sind oder repariert werden müssen. Die Grundqualität ist meistens nicht so, dass wir das den Schulen oder Vereinen anbieten möchten.

Ich schätze mal es kommt vor, dass abgegebene Geräte nicht mehr zu reparieren sind. Was passiert mit diesen Geräten? Wie recycelt ihr diese Geräte?

Zuerst werden bei uns die Geräte komplett gereinigt, denn wir wollen unsere Geräte generalüberholt anbieten wie neu. Dann werden die Geräte bei uns in Klassen eingeteilt. Die Computer, die wirklich super ausschauen, die vertreiben wir weiter. Alles, was optisch ein bisschen was hat, das kommt bei uns ins Geschäftslokal und wird günstiger verkauft. Die 10 % der Geräte, die nicht voll funktionsfähig sind, versuchen wir zu reparieren, alles andere verwenden wir als Ersatzteile. Weil ein Computer ist wie ein Auto – irgendwann einmal muss man die Reifen tauschen, bei uns ist es halt das Netzteil oder vielleicht die Festplatte.

Ihr betrachtet euer Unternehmen als Social Entrepreneurship, dem der soziale Aspekt der Nachhaltigkeit sehr wichtig ist und betont, dass ihr auch sozialen Erfolg fördern möchtet, indem ihr die IT-Geräte denen zukommen lassen wollt, die sich neues EDV-Equipment nicht leisten können.

Ja, wir messen unseren Profit nicht nur monetär, sondern vor allem auch sozial und ökologisch. Das war ein Grund der Firmengründung und ich bin auch in diesem Sinne dazugekommen. Reuse hat vor allem in der Elektronikindustrie einen riesigen Nutzen für die CO2-Einsparung, und die Ressourcenschonung- das möchten wir maximieren. Und sozial wollen wir den Digital Gap verkleinern. Es gibt in Deutschland eine Studie zum Thema, dass Kinder, die eine gute IT-Ausrüstung in der Schule gehabt haben, wesentlich bessere Berufsaussichten in Zukunft haben.

Wir schauen auch, dass bei uns die Kette komplett wird, das heißt, dass wir Einzelteile der kaputten Computer an unsere Entsorgungspartner weitergeben, wo wir wissen, dass die verschiedenen Rohstoffe fachgerecht entsorgt werden und die Ressourcen wieder aufbereitet werden.

Im Wiederverwertungssektor kämpfen wir generell mit Vorurteilen, weil es viele schwarze Schafe gibt. Man muss ständig beweisen, dass man da nicht dazugehört. Dass man alles offiziell nach dem internationalen Refurbishment-Standard macht.

Was beinhalten diese Refurbishment-Standards?

Microsoft hat ein Refurbishment-Programm. Man muss sich einer Prüfung unterziehen, um ein offiziell registrierter Refurbisher zu werden. Dazu gibt es ein Agreement mit Microsoft: Das sind 90 Seiten mit Standards, die eingehalten werden müssen. Darin ist genau geregelt, welche Geräte wie verwendet werden sollen, dass das Löschen nach einem gewissen Standard passiert, wie die Geräte lizenziert werden usw.

Compuritas hat sicher noch viel vor. Ihr bietet jetzt auch gebrauchte Smartphones an. Eine neue Herausforderung?

Smartphones und Tablets sind ein neues Thema. Letztes Jahr im Winter haben wir damit angefangen. Das sind schnelllebige Produkte, die nicht ganz leicht weiterzugeben sind. Ein Smartphone ist ein Alltagsgegenstand, das oft schon abgenutzt ist. Und wenn man ein Smartphone weiter vertreiben will, muss es schön sein, es muss einwandfrei funktionieren, der Akku muss passen. Wir geben ja eine Garantie auf alle unsere Geräte – aktuell 2 Jahre – und das müssen wir auch gewährleisten können.

Denkt ihr über weitere Geschäftsfelder nach? Wenn du in die Zukunft schaust, was denkst du, wo wird sich Compuritas hin entwickeln?

Wir möchten zum größten Ausstatter für Schulen und Vereine in Österreich im Reuse-Segment werden. Wir wollen die Wiederverwertungsquote in Österreich stark erhöhen. Wir arbeiten daran, dass Reuse im Beschaffungssegment seinen Eingang findet.

Und auf der anderen Seite, in der Beschaffung, soll das auch ein Kriterium werden. Viele haben Angst, dass die alten und gebrauchten Geräte von der Leistung her nicht mitkommen, aber wir statten sie mit der neuesten Software und mit Schulprogrammen aus und das braucht nicht einmal 10 % der Leistung von unseren aktuellen Geräten, weil die so stark sind. Wenn die Schulen im Reuse-Sektor beschaffen, spart ihnen das Geld und sie können mehr Equipment kaufen. Meistens fragen sie um 30 Computer an und kommen drauf, dass sie sich um ihr Budget bei uns 60 PCs kaufen können. Dann gibt es statt einem super ausgestatteten EDV-Raum gleich zwei.

Kurz nachgefragt:

Was befindet sich immer in deinem Kühlschrank?
Makava

Was war dein bisher seltsamster Job?
Ich war einmal als Sommerjob am Bau in der Kernbohrung.

Was ist das technisch älteste Gerät, das in deinem Besitz bzw. Gebrauch ist?
Ich habe noch ein ganz altes Notebook, das möchte ich nicht hergeben. Es ist ungefähr 15 Jahre alt und funktioniert noch super.

Was war deine größte sportliche Leistung?
In Wing Tsun Kung Fu, wie ich den Grad abgeschlossen habe.

Auf welches Elektrogerät könntest du nicht verzichten?
Auf den Computer

Welche Fähigkeit hättest du gerne?
Ich wäre gern superschnell wie Flash.

Ich wäre gerne für einen Tag…
Präsident von Amerika

Dein Notizbuch: Digital oder auf Papier?
Digital

Dieses Talent würde man dir nicht zutrauen:
Kochen

Dein persönlicher Nachhaltigkeitstipp für unsere LeserInnen?
Das Beste was jeder machen kann ist, in jedem Bereich auf Reuse zu schauen. Ob es Autos, Textilien, Elektronikprodukte, Haushaltsgeräte sind – es gibt mittlerweile in jedem Bereich gute Händler. Das ist das Nachhaltigste und Einfachste, was man im Moment machen kann.

 

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