Fahr nicht fort, surf im Ort.*

Sabine Schellander | 13.06.2017

(c) s. schellander

*Achtung, dieser Text enthält stellenweise Sarkasmus.

Eigentlich wollte ich ja für meinen nächsten Beitrag wieder einmal einen Selbstversuch starten. Doch dann hieß es, es wäre schön, wenn ich etwas über „nachhaltigen Tourismus“ schreiben könnte. Hm, hab ich mir gedacht. Hab ich doch schon mal irgendwie und meine Begeisterung hielt sich – ehrlich gesagt – in überschaubarem Rahmen. Wie das aber so ist, hab ich nicht nein, gesagt und ein wenig über das Thema nachgedacht..

Da saß ich also und hab vor mich hin gegrübelt, über was ich schreiben könnte.

Klar, ich könnte über den CO2-Fußabdruck einer Flugreise schreiben und recherchieren oder vermuten, wie das jetzt genau ist und ab wann es sich nachhaltig auszahlt zu fliegen. A la: Wenn ich fliege, dann aber 4 Wochen an einem Ort bleibe und versuche meinen CO2-Fußabdruck seeeehhhrrr gering zu halten, wäre es dann schon wieder nachhaltiger, als zu zweit mit dem Auto Richtung Italien zu düsen. Und wie ist das dann, auf eine gewisse Anzahl an Menschen hochgerechnet, denn in so einem Flieger sitzt ja nicht nur ein Passagier?! (neee, oder?! Fliegen ist immer eine Katastrophe CO2-technisch..)

Nachdem ich aber täglich mit ExpertInnen zu tun haben, die solche Dinge genau berechnen und mit denen man wundervolle Diskussionen über „wie ist denn das jetzt wirklich mit dem CO2-Fußabdruck“ führen kann, wäre vermutlich jede Schätzung von meiner Seite ein völliger Schwachsinn. Das geht also nicht.

Idee Nummer zwei muss her. Ich könnte in so ein super tolles (und leider meist sehr teures) Bio-Wellness-Super-Hotel fahren und dann über meine 15 verschiedenen Ayurveda Massagen, meine 7 Heubäder und meine 4 Nächte im rechtsdrehenden Zirbenholzbett schreiben. Das wäre schön, geht sich aber weder Zeit- noch „Börserl“-technisch aus. Somit ist diese Idee auch gestrichen.

Ich könnte berichten, dass die Vereinten Nationen (UN) 2017 zum Jahr des „nachhaltigen Tourismus“ auserwählt haben und dann ein wenig über regionale Wertschöpfung philosophieren und nebenbei mit Zahlen glänzen, wie der Tourismus trägt weltweit ca. 10% zum BIP (Bruttoinlandsprodukt) eines Landes bei und schafft jede Menge Arbeitsplätze – über 400.000 bspw. in Österreich.

Alles sehr spannend, was aber tun? Eigentlich würde ich ja wirklich gern die CO2-Sache aufgreifen, nur ende ich dann vermutlich eher bei einer Dissertation als bei einem Blogbeitrag und einer meiner Professoren meinte unlängst, „wissenschaftliches Arbeiten“ liegt mir nicht. Die CO2-Idee ist damit also endgültig gestrichen.

Aus diesem Grund habe ich mir gedacht, erzähle ich Euch einfach, was ich am Wochenende so mache, wenn ich Zeit habe und ein Kurzurlaub mit Mann und 2 Kindern und hin und wieder auch zwei Katzen ansteht. Nein, wir bleiben nicht einfach in Wien und radeln auf die Donauinsel. Das ist zwar hin und wieder ganz nett und vermutlich auch sehr CO2 schonend. Allerdings brauche ich, um mich wirklich zu entspannen, eigentlich einen Tapetenwechsel und muss raus. Raus aus der Stadt, raus aus der Wohnung, wo mich sonst das ganze Wochenende mein Haushalt vorwurfsvoll anstarrt und am besten irgendwohin, wo kein Empfang ist. Das bedeutet aber nicht, dass wir unbedingt ans Meer fahren müssen oder uns in den nächsten Flieger schmeißen, um eine andere Großstadt zu erkunden. Nein, ich habe festgestellt, was mich wirklich – einfach und effektiv – entspannt und glücklich macht, ist, wenn wir innerhalb unserer Landesgrenzen bleiben. Sprich, wir bleiben einfach in Österreich. Es gibt wunderschöne Orte hier, die ich alle noch nie gesehen habe. Unsere Berge sind wundervoll und für uns besonders spannend und um diese Jahreszeit einfach wundervoll, sind unsere Flüsse.

Die Sache ist nämlich die, wir surfen für unser Leben gerne und Zeit am Wasser, ist für uns das, was für andere 15 Ayurveda Massagen und 4 vegane Menüs sind. Und ja, Österreich liegt nicht am Meer und demnach gibt es auch keine Wellen, das stimmt. Aber irgendwie stimmt es eben auch nicht. Es gibt nämlich schon welche und zwar Flusswellen. Man muss sie suchen und genau schauen und im Bestfall jemanden kennen, der wieder jemanden kennt, aber es gibt sie. Und dort wo wir sie meist finden, gibt es eigentlich immer sehr nette, einfache aber charmante Pensionen, mit netten Zimmern, tollem Frühstück und super Service. Die sind vielleicht nicht Bio-zertifiziert und man schläft nicht auf Feng-Shui Matratzen (nicht böse sein, ich hoffe Ihr verzeiht meinen Sarkasmus, ich mag so Dinge ja grundsätzlich gern und finde sie toll. Ich denke nur – gerade im Bereich nachhaltiger Tourismus – ist das oft nicht das beste Angebot im Sinne der Nachhaltigkeit, sondern oft nur ein gutes Marketing), dafür gibt es aber Geschichten aus dem Ort, Produkte vom Nachbarhof und die Einnahmen dienen der Aufbesserung der Altersvorsorge unserer GastgeberInnen. Was ich eigentlich spitze finde.

Und ich muss echt festhalten, wir waren viel unterwegs in letzter Zeit und mir ist keine einzige schreckliche Pension oder ein grauenhaftes Gasthaus untergekommen.

Aber auch ich muss die Kirche im Dorf lassen und zugeben, dass wir mit dem Auto hinfahren. Pfui. Mit dem Zug wäre es natürlich besser. Allerdings sitzen wir zu viert im Auto (immerhin) und mit dem ganzen Zeug, das wir so haben, ist es einfach echt schwer mit dem Zug. Ich gelte somit nicht zu 120% als super nachhaltiger Tourist (blame me), aber das will ich ja auch gar nicht. Alles was ich sagen will ist, dass das Thema „nachhaltiger Tourismus“ viele verschiedene Seiten hat. Dass es wie immer, wenn es um Nachhaltigkeit geht, viele Aspekte zu berücksichtigen gibt und es nicht nur schwarz und weiß gibt.

Klar, muss man sich ein wenig damit beschäftigen und klar, muss man sich überlegen, wie man nachhaltig Urlaub machen kann, und trotzdem seinen Bedürfnissen und Wünschen nachkommen kann. Aber wie immer im Leben kann man nicht alles haben. Dafür kann man aber am Fluss sitzen, aufs Wasser schauen, über die Brücke balancieren, an der die Kinder den ganzen Tag gebaut haben und einfach sein. Das sind dann für mich, die wirklich nachhaltigen Momente.

Kommentare

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    Rosanna

    22.06.2017, 20:59

    Hallo und Danke für den Artikel!
    Innerhalb Österreichs zu bleiben, finde ich eine coole Idee – und Surfen innerhalb der Landesgrenzen muss ich auch mal probieren 🙂
    Ich bearbeite Nachhaltige Mobilität gerade in meiner Masterarbeit und würde mich freuen, von Euch und allen Lesern bei meinem Fragebogen unterstützt zu werden 🙂

    Nachhaltige Mobilität im Alpenraum:
    http://tinyurl.com/nachhaltigkeitRB

    DANKE 🙂

    Antworten
    • Sabine Schellander

      28.06.2017, 9:58

      Liebe Rosanna,
      Danke für Dein nettes Feedback und ich habe auch gleich Deinen Fragebogen ausgefüllt. Viel Erfolg für Deine Arbeit.
      LG Sabine

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