Sanieren oder wegreißen

Tino Blondiau | 09.05.2017

Typisches weinviertler Bauernhaus in geschlossener Bauweise
Typisches weinviertler Bauernhaus in geschlossener Bauweise

Als ich vor wenigen Jahren das Haus meiner Großeltern erbte, wusste ich wenig über historische Bauten. Mir war klar, dass die Wände feucht beziehungsweise „buglad“ sind und zugegeben, am ersten Blick entpuppt sich das Haus auch nicht als wahres Schmuckstück. Die alten Kastenfenster wurden vor Jahrzehnten rausgerissen und durch Kunststofffenster ersetzt – Hauptsache praktisch.

Ich mag ganz einfach alte Häuser, und so hab ich planlos begonnen zu sanieren. So sind wir Männer (zumindest in meiner Familie), Werkzeug in die Hand, und los, getrieben von einem tiefen Wunsch nach Umgestaltung. Meine Mama wiederholte gebetsmühlenartig die Forderung nach einem Gesamtkonzept – es hat ein Jahr gedauert bis sie erhört wurde. Deshalb mein dringlicher Apell an alle in einer ähnlichen Situation: vorher überlegen und planen! Sonst werden Mauern trockengelegt und nach einem Jahr wieder weggerissen.

Als mich Freunde und Nachbarn beim Herumwurschteln sahen, kam immer wieder eine Frage auf: „Wäre es nicht gescheiter gewesen, du hättest es weggerissen“. Meine Antwort lautete kategorisch: „Nein“.

Mein subjektives, innerliches Gefühl sagt mir, dass etwa 200 Jahre Familienbesitz und vermutlich deutlich ältere Baugeschichte, nicht in wenigen Tagen zerstört werden dürfen. In Zeiten der Wegwerfgesellschaft, in der Produkte immer kürzer gebraucht werden, ist die Verlängerung des Lebenszyklus ein Gegenmodell, das gelebt werden sollte; und damit ist nicht das Schwelgen in der Vergangenheit gemeint. Denn früher war nicht alles besser: kein fließendes Wasser, feuchte Mauern und wenig Licht sind nur einige Beispiele.

Bei meiner Recherche über das Haus bin ich auf den Franziszeischen Kataster gestoßen. Das sind handgezeichnete kolorierte „Satellitenbilder“, die zwischen 1817 und 1861 entstanden sind. Was mich besonders fasziniert ist die Detailtreue der Blätter, immerhin wurde die gesamte Monarchie mit ihren ca. 50 Millionen Grundstücken gezeichnet. Besonders freut mich, dass mein Haus (Nummer 13) samt damals noch kleinerem Stadel auch zu sehen ist. Am Bundesamt für Eich und Vermessung (BEV) in Wien kann in die historische Urmappe Einsicht genommen werden. Das ist ziemlich aufregend, wenn man selbst, ausgerüstet mit weißen Handschuhen, in den etwa 200 Jahre alten Plänen blättern darf.

Franziszeischen Kataster der Gemeinde Sonnberg

Franziszeischen Kataster der Gemeinde Sonnberg

Das genaue Alter des Gebäudes kann trotzdem nur schwer abgeschätzt werden. Aufgrund der verwendeten Bautechniken und Materialien können Rückschlüsse auf das Alter gezogen werden. Welche Techniken in meinem Haus verwendet wurden und worauf bei der Sanierung zu achten ist, werde ich in meinen nächsten Beiträgen erklären – nur so viel vorweg, beim nächsten Mal wird es um Lehmbau gehen.

Kommentare

  • Rica

    09.05.2017, 22:34

    Toller Beitrag. Bin schon gespannt was folgt.

    Antworten
  • Luisa

    09.05.2017, 13:49

    Super Interessant! Franziska und ich freuen uns über weitere Beiträge

    Antworten
  • Regina

    09.05.2017, 12:29

    Tolle Leistung. Planen ist das Wichtigste. Freue mich auf die weiteren Einträge.

    Antworten
    • Magdalena

      09.05.2017, 20:28

      Das ist ein sehr interessantes Thema und dein Stil plus Humor gefällt mir so gut! Vielleicht wird das mal ein Buch… Freu mich auch schon auf mehr.

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