Interview mit Mag. art. Christian Bezdeka

Luise Steininger | 03.04.2017

© L. Steininger, eNu
Interview mit Mag. Christian Bezdeka, woom

Mag. art. Christian Bezdeka gründete 2013 gemeinsam mit Marcus Ihlenfeld woom, eine Kinderfahrradproduktionsfirma. Im Interview verrät der, sich selbst als radlnarrisch bezeichnende, Designer u. a. wie sie dazu kamen Kinderräder zu produzieren und dies auch noch möglichst nachhaltig. Er spricht über seine Beweggründe sich in die Verkehrsplanung einzubringen und erzählt auf welches Rad er persönlich nicht verzichten könnte.

Luise Steininger: Sie sind vor einigen Jahren in die Kinderfahrradproduktion eingestiegen und haben 2013 gemeinsam mit Marcus Ihlenfeld die Firma woom gegründet. Was ist das Besondere an diesen Rädern? Wodurch zeichnen sie sich aus und warum sollte jedes Kind unbedingt auf einem woombike das Fahrradfahren lernen?

Mag. art. Christian Bezdeka: Es sind mehrere Dinge, die die Räder auszeichnen. Das Augenscheinlichste ist vermutlich das geringe Gewicht der Räder. Das kleinste Kinderrad von woom (14 Zoll) hat 5,2 kg, das ist ungefähr die Hälfte von allen vergleichbaren Rädern. Wenn man das Körpergewicht eines Kindes (15 kg) mit dem eines normalen Fahrrades (9 kg) vergleicht und hochrechnet, wäre es, wie wenn man als Erwachsener mit einem Moped Fahrradfahren lernt. Dass Kinder trotzdem mit so etwas fahren können ist ihrem tollen Willen zu verschulden, aber man tut dem Kind dabei nichts Gutes. Das ist übrigens auch ein nicht zu verachtender Nachhaltigkeitsaspekt, weil wir aus dem Material, mit dem andere ein Rad machen, zwei Räder machen.

Das Zweite was bei unseren Rädern anders ist, ist die Geometrie. Üblicherweise sind Kinderräder kleingeschrumpfte Erwachsenenräder mit Erwachsenenkomponenten und –bauteilen, die auf einen kleinen Rahmen geschraubt werden. Wir haben bei der Entwicklung unserer Fahrräder auf statistische Messdaten zurückgegriffen und somit Körpergrößen und –proportionen der Kinder berücksichtigt. Auf diese Daten sind wir sehr stolz, denn diese sind keine Selbstverständlichkeit. Die Körpergrößen der Kinder werden zwar statistisch erfasst, aber viele Maße, die man braucht um ein Fahrrad zu entwickeln, wie z.B. Schrittlänge, Ober- und Unterschenkelknochenlänge oder Ober- und Unterarmknochenlänge, werden nur teilweise erfasst. Wir haben verschiedene Datenquellen (Kinderärzte, Kleidungsindustrie, …) zusammengerechnet und unseren eigenen Datensatz erstellt. Wir können dadurch sagen, dass ein 6-jähriger Bub mit einer gewissen prozentuellen Wahrscheinlichkeit so und so groß ist. Und wir können das nun viel exakter ermitteln als das bisher gemacht wurde.

Hinzu kommt noch, dass wir unsere Prototypen bei AUVA-Radworkshops in Schulen getestet haben. Dabei machen die Kinder Fahrradgeschicklichkeitsübungen zur Unfallprävention. Wir konnten dort den Kindern beim Testen unserer Räder zusehen und haben dabei wahnsinnig viel gelernt, wie ein Kinderfahrrad sein bzw. nicht sein sollte. Interessant ist, dass sich die Anforderungen an das Fahrrad mit dem Alter gravierend ändern. Wenn man sich das genauer ansieht, ist es völlig klar, dass man nicht einfach ein Erwachsenenfahrrad klein machen kann und man hat ein gutes Kinderrad. Ein/e AnfängerIn hat ganz andere Anforderungen, als jemand der schon fahren kann. Die/der AnfängerIn will z.B. nur gerade fahren, Kurven sind für die/den kein Thema. Die/der will stabil sein, braucht einen niedrigen Schwerpunkt, einen langen Radstand und eine gutmütige Lenkgeometrie. Beispielsweise wechseln Kinder zu Beginn ständig zwischen Pedal und Boden. Bei unseren Fahrrädern ist dieses Verhältnis Fuß am Pedal zu Fuß am Boden optimiert – die Kinder können einfach wechseln. Bei einem normalen Fahrrad steigen die Kinder beim Runtersteigen in ein Loch und kippen zur Seite weg.

Das sind viele Kleinigkeiten, die den Kindern Sicherheit geben, wodurch sie viel schneller Radfahren lernen.

Weiters setzen wir auf hochwertige Bauteile, denn ein gutes Kinderrad soll viele Jahre und auch vielen Generationen Spaß machen. Alle Schrauben widerstehen beispielsweise einen 48 Stunden salt-spray-Test, d.h. die rosten nicht sofort und alle Verschleißteile sind austauschbar.

Diese guten, hochwertigen Kinderräder haben natürlich auch ihren Preis. Wir sind zwar nicht viel teurer als die Konkurrenz (bei deutlich besserer Qualität), aber der Kostenfaktor schmerzt die Eltern natürlich, egal was das Rad kostet – ich bin selber Papa und weiß genau wovon ich rede. Deshalb haben wir das Upcycling-System eingeführt – unsere Räder wachsen quasi mit den Kindern mit: man kann das Rad zurückgeben und bekommt 40 % des Kaufpreises beim Kauf eines Fahrrades der nächsten Größe gutgeschrieben.

Das sind so die Hauptaspekte die die woom speziell machen. Dafür haben wir auch schon mehrere Auszeichnungen bekommen. Zuletzt haben wir den IF Design Award 2017 bekommen und wir wurden auch schon vom Ministerium für ein lebenswertes Österreich für unser Streben nach Nachhaltigkeit ausgezeichnet. Wir versuchen auch als Firma in allen Aspekten einen nachhaltigen Weg zu gehen. Das ist nicht immer zu 100 % möglich, aber wir werfen die Nachhaltigkeit bei jeder Entscheidung in die Waagschale. Wir sind hier beispielsweise in einer energieeffizienten Halle, versuchen Transportwege kurz zu halten, verwenden wiederverwendbare Verpackungen (zu 95 % aus Papier) und recycelbare Materialien. Wir gestalten Dinge so, dass man sie am Ende Ihres Lebenszyklus recyceln kann, bestenfalls in ein höher- oder gleichwertiges Produkt.

Nachhaltigkeit ist uns ein ganz wichtiges Anliegen. Unser Ziel ist es Kinder zum Radfahren zu bewegen und unsere eigene Leidenschaft für das Fahrradfahren in möglichst viele Kinderherzen zu verpflanzen und nachhaltig Kinder zu RadfahrerInnen zu machen. Dabei wäre es sehr kurzfristig gedacht, wenn wir die Nachhaltigkeit außer Acht lassen würden. Denn bei dem was wir tun geht es um die Zukunft unserer Kinder und um ihre Ressourcen, die wir verbrauchen bzw. von ihnen stehlen.

Die woom Räder werden in Taiwan und Kambodscha produziert. Wie garantieren Sie dort vor Ort nachhaltige Bedingungen?

Wir besuchen alle unsere Produktionspartner natürlich regelmäßig und dabei sehen wir uns auch an, welche Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigt und welche Standards erfüllt werden. Beispielsweise ihr Umgang mit Müll oder bei der Lackiererei ist interessant wie die Absaugung funktioniert oder wie die Filter gewechselt und entsorgt werden.

Für uns kommen dabei nur Partner in Frage, die auf höchstem Level produzieren. Unser Partner in Kambodscha ist einer der größten Fahrradhersteller weltweit, der für viele namhafte Hersteller arbeitet. Dabei sind für uns auch die Arbeitsbedingungen wichtig: Wie sieht es in dem Werk aus? Wie viele Tage arbeiten die Arbeiter? Wie viel verdienen sie? Welche Sozialleistungen gibt es? Hier sind die Bedingungen in Kambodscha sehr zufriedenstellend.

Versuchen Sie, abgesehen davon, dass Sie bei der Auswahl Ihre Partner auf diese Details achten, auch mit ihnen daran zu arbeiten, dass es noch besser wird?

Wir haben uns das im Vorhinein angesehen. Bei unserem Partner in Kambodscha haben wir beispielsweise beim ersten Besuch erfahren, dass es eine Gewerkschaft und eine Werkskantine gibt. Dass es eine 5-Tage-Woche mit normalen Arbeitszeiten (wie bei uns) ohne Schichtbetrieb, also ohne Nacht- und Wochenendarbeit, gibt. Das sind gute Bedingungen. Das sieht man auch an den Arbeitern vor Ort. Zu Mittag spielen alle gemeinsam so eine Art Federball mit den Füßen (der Nationalsport von Kambodscha).

Uns ist, wie gesagt, auch der Umgang mit dem Müll und den Chemikalien der Lackiererei sehr wichtig. Die Fabrik in Kambodscha wurde vor ca. 4 Jahren neu gebaut – es  ist eine der modernsten Fabriken, die ich jemals gesehen habe in der Fahrradbranche.

Auch in Taiwan herrscht allerhöchstes Produktionsniveau. 99,9 % der Fahrräder in Österreich kommen aus Taiwan zu uns. Die erste Charge woombikes haben wir in Europa, in Tschechien, produzieren lassen und man muss sagen, dass hier der Stand der Technik hinterherhinkt. Also die Firmen in Taiwan und Kambodscha arbeiten auf einem viel höheren Niveau – in jedem Aspekt, den man sich ansieht.

Interview mit Mag. Christian Bezdeka, woom

 Sie haben am TGM (einer HTL) in der Fachrichtung Biomedizintechnik maturiert, an der Universität für angewandte Kunst in Wien Industrial Design studiert und waren anschließend an der Gründung mehrerer Unternehmen beteiligt, wie z.B. woom. Was hat diesen Richtungswechsel von der Biomedizintechnik zum Design veranlasst? Und wodurch sind Sie im Weiteren dann speziell „auf das Fahrrad gekommen“?

Wenn man sich für eine HTL entscheidet ist man noch relativ jung und weiß noch nicht genau was der Lebensweg bringt. Ich habe bei der Biomedizintechnik relativ schnell gemerkt, dass ich zwar Techniker bin und Technik mich begeistert und fasziniert, aber es nicht das Einzige ist was mich interessiert. Deshalb habe ich bereits während der HTL beschlossen im Anschluss etwas mit Design zu machen und ich hatte das Glück die Aufnahmeprüfung auf die Angewandte zu schaffen und im Lehrgang Industrial Design aufgenommen zu werden. Ich habe darin, ich möchte fast sagen, einen Gegenpol zur Technik gefunden. Gegenpol, da man von der Logik / der Denkweise her als Techniker von innen nach außen und als Designer von außen nach innen geht.

Das Thema Fahrrad ist eigentlich aus dem Hobby dazu gekommen. Ich bin schon immer ein Fahrradfahrer gewesen. Ich würde sagen ich bin radlnarrisch, also ich bin von dem Thema besessen. Ich besitze unzählige Fahrräder: vom Stadtfahrrad mit dem ich ins Büro fahre, über das Rennrad zum trainieren, über das Mountainbike bis hin zum Downhiller und Freerider, wo ich früher auch Rennen gefahren bin. Als ich als Radlmensch dann zum ersten Mal Papa geworden bin, habe ich relativ bald überlegt welches Rad mein Sohn bekommen wird. Da ich bei der Recherche nichts für mich Zufriedenstellendes gefunden habe, begann ich selbst Fahrräder zu zeichnen. Meine Idee war ein paar Prototypen bauen zu lassen um gute Fahrräder für meinen Sohn zu haben. Die Kontakte in die Industrie und Fertigung hatte ich noch aus vorherigen Tätigkeiten als Industriedesigner in der Fahrradbranche. Einige Leute rund um mich baten mich für sie ein Kinderrad mitzubauen und dann kam noch Marcus Ihlenfeld dazu, der das größer angehen wollte. Wir haben dann bei Marcus in der Garage eine erste Serie von 70 Rädern produziert, die am nächsten Tag verkauft waren. Dann wussten wir, dass wir doch etwas mehr machen sollten. Das war der Beginn von woom. Wir sind also tatsächlich ein Garagenunternehmen, wie es im Buch steht.

Mag. art. Christian Bezdeka erzählt wie woom entstanden ist.

Sie setzen bei den woombikes nicht nur auf ergonomisch perfekt geformte Räder, sondern achten auch auf die Produktionsbedingungen und die Schadstofffreiheit. Zusätzlich gibt es, wie bereits kurz angesprochen, ein Upcycling-System, wodurch die Räder wiederverkauft und länger genützt werden. War das von Beginn an Thema oder ist diese Idee später dazugekommen?

Ja, das war von Beginn an ein Thema, weil es für mich ein wahnsinnig wichtiges Thema ist. Als Papa will man ja seinen Kindern möglichst viel Gutes mitgeben. Ich will nicht, dass unsere Kinder uns einmal als die Generation sehen, die alle Ressourcen der Erde aufgebraucht hat. Es war mir von Anfang an ein Anliegen und es war von Anfang an klar, dass das ein wichtiger Bestandteil von woom sein muss.

woom steht für Innovationen! Mit 2017 hat es wieder einige Neuerungen bei den woombikes gegeben. Zum Beispiel sind die Bremsen nun zur leichteren Unterscheidung farblich gekennzeichnet. Welche Neuheiten oder Veränderungen sind für die nächsten Jahre geplant?

Wir werden auf keinen Fall aufhören uns zu verbessern, denn wir hören nicht auf über das perfekte Kinderrad nachzudenken. Im nächsten Jahr werden ein paar Verbesserungen bei der Ergonomie kommen, wir werden die Räder leichter machen und es wird Verbesserungen beim Zubehör geben. Zuviel kann ich jetzt natürlich nicht ausplaudern. Nur soviel: alles was wir machen soll beim Fahrradfahren das Leben erleichtern bzw. den Kindern helfen.

Wo sehen Sie sich selbst bzw. woombikes in 5 oder 10 Jahren?

Unsere langfristige Vision ist es nicht nur das beste Kinderrad am Markt, sondern das bestmögliche Kinderrad überhaupt zu bauen. Unser Ziel ist es eigentlich nicht nur ein Kinderrad zu bauen, sondern Kinder nachhaltig zu FahrradfahrerInnen zu machen und da werden wir alles tun, was es dafür braucht.

Interview mit Mag. Christian Bezdeka, woom

Sie haben nicht nur spezielle Kinderräder entwickelt, Sie möchten auch den Fahrradverkehr insgesamt forcieren. Beispielsweise setzen Sie sich auch für City-Durchfahrten im 1. Wiener Gemeindebezirk ein. Warum bringen Sie sich auch in die Verkehrsplanung ein?

Ich sehe das als ein großes Ganzes. Mein Traum wäre, dass ich meine Söhne (9 und 5 Jahre) ohne Bedenken mit dem Fahrrad in die Schule und den Kindergarten bringen kann. Oft werden die Kinder über kurze Distanzen bis zu einem Kilometer mit dem Auto in Schule und Kindergarten gebracht – Entfernungen, die leicht mit dem Fahrrad machbar wären. Ich verstehe das total (ich sag nicht die Leute sind blöd – ganz im Gegenteil), weil mit dem Fahrrad ist es eine Katastrophe im Straßenverkehr. Aber so ist die politische Entscheidung: der Fokus liegt auf dem Auto. Wir können darüber jammern, aber das ist schon viele Jahre her. Mittlerweile weiß man, dass das in Zukunft nicht funktionieren wird.

Wenn wir uns Wien als Beispiel ansehen: Irgendwo habe ich gelesen Wien soll bis 2025 noch um die Einwohnerzahl von Graz wachsen. Wenn man überlegt, dass all diese Leute auch mit dem Auto in der Stadt fahren wollen, ist klar, dass das nicht funktionieren wird. Das ist ein geometrisches Problem: die Fläche an Straße um all diese Autos darauf zu stellen, haben wir nicht. Ich glaube, dass hier das Fahrrad die beste Lösung ist, denn innerhalb der Stadt bewegen sich die Leute nur wenige Kilometer. Die Lebensqualität in der Stadt würde, durch den Rückgang von Autoverkehr und Abgasen, massiv steigen. Außerdem haben wir in Österreich ein angenehmes Klima. Wenn man das ganze Jahr über mit dem Rad fährt, sieht man wie wenig Tage im Jahr es tatsächlich regnet, schneit oder stürmt. Und an den paar Tagen kann man sich mit einem Regenponcho behelfen. Zusätzlich bin ich, wenn ich mit dem Rad in die Arbeit fahre, viel entspannter und habe das Gefühl etwas für meinen Körper gemacht zu haben. Wenn ich hingegen mit dem Auto fahre (ich bin auch kein reiner Radfahrer) stehe ich im Stau und bin grantig. Ich denke die Verkehrsmittelwahl ist einerseits Kopfsache und andererseits eine politische Entscheidung. Wenn ich da irgendwo Engagement zeigen kann, dann tue ich das auch.

Mag. art. Christian Bezdeka erklärt, am Beispiel Wien, warum der Fokus auf das Auto in Zukunft nicht mehr funktionieren wird.

Ich möchte das Auto aber nicht verdammen. Wie gesagt, ich bin ja selber auch Autofahrer und das Auto ist ein ganz wichtiges Verkehrsmittel und wird es noch lange Jahre bleiben. Aber diese vielen unnötigen Fahrten, die man alleine in seiner großen Blechschüssel macht, die kann man wirklich effizienter gestalten. Das ist auch eine Frage der Infrastruktur. Wenn es beispielsweise gute, baulich getrennte, Radwege gibt, dann fahre ich auch mit meinen Kindern in die Schule.

Gerade am Beispiel Wien würde ich aber auch sagen, dass es ein sehr gutes Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln gibt. Sehen Sie diese als Konkurrenz zum Fahrrad?

Überhaupt nicht! Ich würde mir sogar wünschen, dass das vielmehr Hand in Hand geht. Ich verstehe zum Beispiel nicht, wieso man nicht ganz selbstverständlich in der U-Bahn zu jeder Tageszeit Fahrräder mitnehmen kann. Wieso haben nicht U-Bahnen sogar ein Fahrradabteil? Oder die Autobusse einen Fahrradträger? In Canada in Toronto ist das beispielsweise so. Bei den Skibussen am Land stellt man seine Ski auch einfach hinten rein. Genauso gut wäre das mit dem Fahrrad möglich. Es wäre ohne großen Aufwand machbar – auch in Wien. Oder wieso hat die Bim nicht auch eine kleine Ecke für die Fahrräder, wie bei der ÖBB? Es wäre eine optimale Ergänzung.

Beruflich engagieren Sie sich für das Thema Nachhaltigkeit. Wo achten Sie in Ihrem privaten Leben darauf? Welche Handlungen oder Maßnahmen setzen Sie vielleicht bereits und in welchen Bereichen würden Sie gerne noch nachhaltiger leben.

Ich versuche das bei jeder Entscheidung miteinfließen zu lassen und wenn möglich mich für den nachhaltigeren Weg zu entscheiden. Das heißt aber auch, dass manchmal andere Kriterien überwiegen und man sich für den weniger nachhaltigen Weg entscheidet. Ein gutes Beispiel sind Energiezulieferer: es gibt mehr oder weniger nachhaltige und einen Preis dazu. Man muss dann eine Entscheidung treffen was es einem Wert ist.

Was mich wirklich nervt ist die Unmenge an Verpackungsmaterial, vor allem Plastik, die bei einem Einkauf – egal ob im Bio-Supermarkt oder bei einer Standard-Kette – anfällt. Ich packe daheim immer alles aus und der Haufen, der von einem Samstags-Familienwocheneinkauf übrig bliebt, ist katastrophal. Da habe ich ein richtig schlechtes Gefühl dabei. Ich habe schon überlegt, ob ich diesen Haufen nicht im Supermarkt lasse, aber ich will ja die Verpackung für den Transport nach Hause nutzen.

Es gibt Initiativen wie den verpackungsfreien Supermarkt. Die finde ich super, aber ich glaube da braucht es noch viele schlaue Köpfe, die ein besseres System entwickeln – eben für den Transport optimiert. Den Samstags-Großeinkauf mache ich meistens, wie alle anderen auch, mit dem Auto. Manchmal, wenn es nicht zu viel ist, hänge ich einen Omatraktor – so einen Schleppwagen – hinten an das Rad. Wenn ich da die Paradeiser ganz unten hineingebe und alles darauf schlichte habe ich zuhause Ketchup. Ich denke da muss sich grundlegend noch etwas ändern bzw. verbessern. Ich weiß nicht, vielleicht Verpackungen aus Holzkisten, die man zurückbringt oder man sieht sich an, wie es früher beim Greißler gemacht wurde. Der hat die Erdäpfel in altes Zeitungspapier gewickelt, aber das geht jetzt auch nicht mehr. Ich sehe da für mich das größte Potenzial etwas zu verbessern.

Unsere Leserinnen und Leser sind auch um einen nachhaltigen Lebensstil bemüht. Hätten Sie noch einen Tipp für sie wie man mehr Nachhaltigkeit in den Alltag bringen kann?

Beim Einkauf den Firmen den Vorzug geben, die nachhaltige Aspekte vorantreiben. Das ist manchmal etwas schwierig, weil viele Firmen greenwashing betreiben – mithilfe von Werbung haben diese Firmen ein grünes Image, aber wenn man sich das genau ansieht, steckt da oft nicht viel dahinter.

Ich kann den Konsumenten/innen nur ans Herz legen sich zu bilden. Nachhaltigkeit ist ein sehr wichtiges Thema. Es wird für die gesamte Menschheit entscheidend sein ob wir auf der Erde überleben oder nicht. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird irgendwann alles kaputt sein und dann wird es „goar“ sein – wie man so schön sagt.

Der eigentliche Sinn des Lebens ist ja die Arterhaltung. Für uns Menschen bedeutet das aber nicht nur uns zu vermehren, sondern dass wir mit den Ressourcen so umgehen, dass wir alle gut leben können und auch für unsere Kinder noch etwas da ist.

Interviewausschnitt 3: Mag. art. Christian Bezdeka über die Wichtigkeit des Themas Nachhaltigkeit.

 

Kurz nachgefragt:

Welche Telefonnummer in Ihrem Verzeichnis ist die wichtigste?

die meiner Frau

Ihr aufregendstes Erlebnis auf oder mit einem Fahrrad?

Da gab es viele aufregende Erlebnisse, aber das aufregendste Erlebnis im Leben eines jeden Fahrradfahrers ist wahrscheinlich der Zeitpunkt wo er Fahrradfahren lernt. An diesen Moment kann sich wahrscheinlich jeder erinnern. Das ist auch etwas, dass man mit einem Kind wirklich zelebrieren sollte.

Kaffee oder Tee?

viel Kaffee

Was war Ihr bisher lustigster oder seltsamster Job?

Als Designer macht man viele lustige Jobs, aber ich erinnere mich an meinen Zivildienst als Schülerlotse – der war lustig und manchmal auch seltsam. Ich war im Innendienst bei der Polizei und habe zusätzlich als Schülerlotse auf der Kreuzung gearbeitet. Es war eine sehr prägende und schöne Zeit (14 Monate) für mich. Als Schülerlotse hast du ja nur ein paar Sekunden Kontakt, aber jeden Tag mit den gleichen Kindern und irgendwann kennst du dann die Kinder und grüßt sie. Und die Kinder kennen dich und grüßen dich. Irgendwie ist das auch schön – man baut so eine Minibeziehung mit den Kindern auf.

Jeden Tag habe ich um dieselbe Uhrzeit ein Foto von der Kreuzung mit Selbstauslöser gemacht – ein und dasselbe Bild über das ganze Jahr. Daraus habe ich eine sehr schöne Collage auf einer großen Wand zuhause gemacht. Es ist auch lustig wie sich die Farbe über die Jahreszeiten ändert – es ist ein interessanter Farbverlauf entstanden.

Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?

Meine Frau und meine zwei Kinder (wenn ich die als Dinge bezeichnen kann). Die sind das Wichtigste in meinem Leben.

E-Mail oder Anruf?

E-Mail

Wie viele Kilometer fahren Sie durchschnittlich pro Woche mit dem Rad?

Ich fahre 2,5 mal pro Woche ins Büro (24 km) und sonst auch noch einige Wegstrecken. In Summe so knapp unter 100 km pro Woche – das war früher mal viel mehr.

Welches Buch lesen Sie gerade? Als E-Book oder in Papierform?

„The 22 Immutable Laws of Branding“ von Al Ries und Laura Ries – ein englisches Fachbuch in Papierform.

Sie haben viele verschiedene Fahrräder. Auf welches könnten Sie nicht verzichten?

Mein E-Stadtrad – es hat das breiteste Einsatzspektrum – hat Schutzbleche, einen Gepäckträger und ist ein E-Bike. Damit komm ich auf Asphalt gut weiter und kann auch durchaus mal einen Feldweg fahren. Dank Elektrounterstützung ist auch ein Berg überhaupt kein Problem, wodurch ich auch über die Wienerwald-„Berge“ vom Büro in Klosterneuburg nach Wien fahren kann – die schönere, aber anstrengendere Strecke. Der Radius ist mit dem E-Bike einfach größer.

Welche Farbe werden die Ostereier bei Ihnen zuhause haben?

Die Ostereier sind immer rot-braun. Wir färben sie nämlich nicht mit Lebensmittelfarbe, sondern mit Zwiebelschalen und Rote Rüben-Saft. Das wirkt sich übrigens auch wahnsinnig gut auf den Geschmack aus: Der Geschmack von Roten Rüben geht ins Ei hinein – das ist sehr zu empfehlen.

Herzlichen Dank für das Interview!

Kommentare

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    Anonymous

    29.08.2018, 0:34

    Greetings from Salt Lake City. I had to use Google Translate – but what a great interview. I really enjoyed learning about Christian and details surrounding Woom Bikes. Thank you.

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    René

    09.05.2017, 22:49

    Kambodscha ist eines der ärmsten (industrialisierten) Länder der Welt.

    Unzählige (deutsche) Marken-Bekleidung (Turnschuhe!) wird dort zusammengeklebt.
    Die Fabriken gehören oft Chinesen und Taiwanesen. Die Verantwortung für die Einhaltung arbeitsrechtlicher Mindest-Standards wird an Drittpartner ausgelagert.

    Bekommt ein Markenhersteller schlechte Presse, weil z.B. Gift im Schuh, oder weil die Selbstmordrate unter den Fabrikarbeitern explodiert, dann putzt sich die (deutsche) Marke gerne ab: Nicht wir, sondern der Drittpartner war säumig!

    Ich kenne die erwähnte Fahrradfabrik in Kambodscha nicht.
    Aber gut, wenn es auch sowas gibt. Oder angeblich, ich war nie dort.

    Liebe Grüße,. René

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