Müll gab‘s früher nicht

Natalie Oberhollenzer | 17.11.2015

Foto: Kaffeekränzchen, © pressmaster, Fotolia.com
Foto: Kaffeekränzchen, © pressmaster, Fotolia.com

Ein älteres Paar erzählt, welchen Wert alte Telefonbücher, leere Blechdosen und Essensreste vor 50 Jahren noch hatten.

Neulich traf ich das Seniorenpärchen Seppl (75) und Annemarie (69) zu Kaffee und Kuchen. Die beiden sind seit 42 Jahren verheiratet und wohnen in den Tiroler Bergen. Als wir da saßen und den Kaffee schlürften holte Annemarie eine Pralinenschachtel aus ihrer Tasche. „Die werden wir uns jetzt auch noch genehmigen“, sagte sie ganz vergnügt und fing an die Schokobox auszuwickeln. Sie riss die durchsichtige Plastikhülle auseinander, machte den Deckel der Schachtel auf und schaute auf das luftgepolsterte Papierteil, das auf den Süßigkeiten drauf lag. „So viel Drumherum für das bisschen Schokolade“, murmelte sie. „Kein Wunder, dass wir alle in unseren Müllbergen ersticken“. Ich frug sie, wie sie das heute so finden mit dem vielen Abfall. „Uns älteren Leuten ist das unfein. Wir kennen es von früher ganz anders“ entgegnete sie. Da habe es nicht so viel gegeben, und das meiste habe man wiederverwendet.

Seppl nickte zustimmend. Dann begannen sie mit ihrer Zeitreise und erzählten aus ihrer Kindheit in den jeweiligen Bauernfamilien. In die von der Paradeis-Sauce übrigen Blechdosen hat die Mutter sofort irgendwelche Setzlinge oder Blumen eingepflanzt. Denn Töpfe hat man damals nicht gekauft, erinnert sich Seppl. Die Gläser und Flaschen wurden zum Einmachen verwendet, „Tupperware gabs ja nicht“. Und wenn ein Schwein oder ein Huhn, das nicht wiederverwertbar war, hin wurde, warf man es auf den Komposthaufen. Das Telefonbuch wurde als Toilettenpapier verwendet, ebenso die Wochenzeitung. „Die hat man vorher aber ganz wissbegierig verschlungen“, ergänzt Annemarie. Generell Papier war früher etwas ganz Wertvolles, so die Dame weiter. Überall, auf jedes noch übrige weiße Fleckchen hat man drauf geschrieben, Kuverts, die man zugeschickt bekommen hat, sind wiederverwendet worden. So richtig kostbar waren für sie als Kind die silbernen Papierchen aus den Zigarettenschachteln. „Die habe ich tausendmal geradegestrichen und in einem Büchlein gesammelt. Ich hab sie immer wieder angeschaut und sortiert. Manchmal haben wir Blümchen und Vögel aus ihnen gefaltet“, erinnert sie sich.

50 Jahre im selben Bett

Ganz schlimm finden die beiden, dass heute so viel Essen weggeworfen wird. Die Leute seien viel zu heikel, was die Haltbarkeit betrifft. Früher hätte es sowas wie ein Haltbarkeitsdatum nicht gegeben. Annemarie: „Wann verfällt denn so eine Nudel schon? Die ist dörr und damit basta!“ Das meiste sei ohnehin noch gut nach dem angeschriebenen Verfallsdatum. Aus dem alten Schwarzbrot wurden früher Bröckchen geschnitten und in die Suppe geworfen. Reste, die man selber nicht mehr aß, wurden den Katzen, Hunden und Schweinen gegeben. Außerdem für richtig ungut befindet Seppl minderwertiges Mobiliar, das heute in Massen hergestellt wird. „Letztens sagte doch einer zu mir, dass er sich alle fünf Jahre eine neue Einrichtung leistet! So ein Quatsch!“ Früher sei ein Tischler ins Haus gekommen und habe alles „ordentlich gemacht“. Dann ist man 50 Jahre im selben Bett gelegen.

Klar – wir kennen diese Geschichten vielfach schon, denke ich mir nach dem Kaffeekränzchen. Oft tun wir sie schnell in der für viele von uns nervigen „Früher war alles besser-Kategorie“ ab, mit der sich Ältere so gerne die Welt zurechterklären. Aber das mit den Silberpapieren aus der Zigarettenschachtel ist mir dann doch nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Dass ein so gewöhnlicher Müll, so ein Nichts, so einen Wert haben konnte, das hätte ich mir nicht träumen lassen. Schade irgendwie, dass wir heutzutage nicht mehr in der Lage sind, so viel Freude mit einer wertlosen Kleinigkeit zu haben. Ein erst kürzlich verstorbener Literat meinte wohl was ähnliches, als er in einem Interview erklärte, froh darüber zu sein, dass er von seinen Eltern „den Luxus der Armut“ mitbekommen hatte.

 

Kommentare

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    Maria

    02.12.2015, 11:52

    Es ist schade, dass es heute diese Wertschätzung nicht gibt. Ehrlich – welches Kinde würde heute noch Silberpapierchen aus Zigarettenschachteln sammeln? Heute haben unsere Kinder Berge von teurem Spielzeug, von denen sie das meiste nicht einmal zum Spielen nehmen!

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    Christine

    21.11.2015, 13:11

    Ich bin Mitte 40 und erinnere mich gerne an meine Goli, die ausgewaschene Joghurtbecher als Saftglas für uns Kinder verwendete und mit uns „Stadt-Land“ auf den A5 Pappdeckelchen auf denen Seidenstrumpfhosen eingepackt waren, spielte.
    Auch ich verwende heute Kuverts u. Ä. für kurze Notizen oder Einkaufszetteln. Aus dekorativem Zeitungspapier – und wenn mal man genau schaut, findet man da tolle Motive – je nach Zeitungsart – lässt sich wunderbar originelles Geschenkpapier gestalten; gerade jetzt für Weihnachten!

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    Gast

    20.11.2015, 11:40

    Mir fällt es auch immer wieder bei der Schokolade auf. Das müsste nicht sein, dass die viermal verpackt wird. Die Co2 Bilanz von so einer Schokoschachtel muss fatal sein!

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      D.

      12.09.2017, 11:13

      Dabei ist nicht einmal die Schokolade miteingerechnet, die bis zu 10.000 km zu uns transportiert wird..

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    Herbert

    18.11.2015, 8:36

    Ich bin noch nicht so alt – noch keine 45 Jahre und trotzdem kann ich den beiden Älteren nur zustimmen. Auch in meiner Kindheit und Jugend hat es nicht so einen Verpackungswahn gegeben. Da sind Schrauben und Nägel Stückweise verkauft und in altes Zeitungspapier gewickelt worden. Obst und Gemüse wurde an der Kassa gewogen und wenn schon verpackt, dann in Papiertüte oder eben altes Zeitungspapier… Manche Geschäfte fangen jetzt wieder an die „Gute alte Zeit“ in die Gegenwart zu bringen.

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